6. Istanbul: Stationen der Sehnsucht

Ein Film von Wolfgang Bergmann
45 Min., 1992

Teil 6 Istanbul: Stationen der Sehnsucht
von Wolfgang Bergmann

Die Glanzzeiten der Bahnhöfe Istanbuls liegen weit zurück. Istanbul, Konstantinopel, war immer der geheimnisvolle Schnittpunkt zwischen Asien und Europa. In der „Belle Epoque“ kommen die Reisenden aus dem Westen nicht mehr mit dem Schiff, sondern mit dem luxuriösen „Orient-Express“ auf dem Sirkeçi Bahnhof an. Der letzte Sultan des osmanischen Reiches, Homid II. ließ ihn als Endstation des „Orient-Express“ bauen und eröffnete ihn am 1890 mit großem Pomp.
Der Bahnhof erlebte die Gründung der türkischen Republik, war Versammlungsort für die streikenden Eisenbahner und Treffpunkt der jungen Intelligenz. In den 60er und 70er Jahren fuhren Millionen Türken von den Bahnsteigen des Sirkeçi Bahnhofs aus in den reichen Westen Europas. Mit Autos oder Flugzeug kehrten inzwischen so manche zurück, um mit bescheidenem Startkapital noch einmal das Glück in der Heimat zu suchen. Auf den Bahngleisen kommen heute ganz andere Glückssucher an, Russen, Polen und Ukrainer, die auf dem „Russenmarkt“ des Galataplatzes Waren aus ihrer Heimat verhökern.
Istanbul ist durch den Bosporus in zwei Hälften geteilt. Die eine liegt auf dem europäischen Kontinent, die andere auf dem asiatischen. Zwei Straßenbrücken führen inzwischen über den Bosporus, doch keine Eisenbahnbrücke. Wie vor hundert Jahren, so schleppen auch heute noch Fährschiffe die Güterwaggons von der einen Seite auf die andere über. Auf der asiatischen Seite liegt der Haidarpasha Bahnhof wie ein klassizistisches Berliner Gerichtsgebäude am Ufer. Neben ihm moderne Hafenanlagen und große Silos wegen des Weizentransports nach Anatolien, für den die Eisenbahnverbindung von hoher Bedeutung ist.
Der Haidarpasha Bahnhof war hundertfach Bühne für die Traumfabrik der Türkei. Filme, in denen Sehnsucht, Heimkehr, Passion und Rache eine Rolle spielt, wurden hier gedreht. Einige Ausschnitte aus dem Spielfilm „Courbet Cuslare“ zeigen das brüchige Glück, das die „Goldene Stadt“ verheißt. Jährlich ziehen Tausende von Türken und Kurden in die inzwischen auf 10 Millionen angewachsene Stadt.
So auch der 14 jährige Kurdenjunge Salim, der tagaus tagein vor dem Haidarpasha Bahnhof Tickets für die Fähre verkauft, oder Schuhe putzt. Er ist mit seinen Eltern nach Istanbul gekommen. Zwei ältere Brüder arbeiten als Handlanger auf dem Bau und ernähren die Familie, der Vater hat eine Schuster eröffnet und hofft auf zukünftigen Wohlstand. Sie wollen bleiben, auch wenn es schwierig ist. Ganz anders als die Familie in dem Spielfilm „Courbet Cuslare“. Sie scheitern und kehren in die anatolische Heimat zurück.

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