5. Prag – Wien: Stationen der Vergangenheit

Ein Film von Martin Patek
45 Min., 1992

Teil 5 Prag – Wien: Stationen der Vergangenheit
von Martin Patek
Prag verfügt noch heute, im Gegensatz zu Wien, über eine Reihe alter Bahnhöfe. Die Bahnhöfe Prags und Wiens hatten den gleichen Ahnherrn, den letzten großen österreichischen Kaiser Franz-Joseph I.. Als der älteste Bahnhof in Prag gebaut wurde, musste man zwölf Durchbrüche in die feste Stadt- mauer schlagen, um die Schienen in die Stadt zu führen. Auf diesem Bahnhof ereignete sich in den letzten Wochen des 2. Weltkrieges eine dramatische Erschießung von Geiseln. Die deutsche Besatzungsarmee hatte Fahrgäste zur Unter- drückung eines Aufstands festgesetzt und exekutiert. Das kommunistische System machte aus diesen Menschen Mörder, die sich gegen den Faschismus aufgelehnt haben sollen. Prager Bahnhöfe erlebten auch sowjetische Besatzer, ein Stationsvorsteher erzählt von der Rettungsaktion eines Zuges ins Ausland.
Ein Bahnhof war leider nicht mehr zu retten. Er musste einer Autobahn weichen und Platz schaffen für eine Rasenfläche der Spartakiade des kommunistischen Stadtoberhauptes Kapek. Ganz verloren ist der ehemals berühmte Nordwestbahnhof allerdings nicht. Der Hobbyfilmer Pricl hat die Abrissarbeiten minutiös gefilmt und wir zeigen Ausschnitte daraus. Zu einer schwejkschen Realsatire gerät der Besuch des nordkoreanischen Staatsoberhauptes Kim il Sung. Für seine extra mitgebrachten Luxuswaggons, die erheblich breiter sind als in Europa, mussten hunderte von Eisenbahner die Strecke verbreitern: Geländer und Masten absägen und Bahnsteige versetzen. Niemand durfte von dieser „geheimen Staatsaktion“ erfahren, auch nicht die Zehntausende, die ihm freiwillig oder unter Zwang zujubelten.
Als 1931 Charly Chaplin im Rahmen einer Europatournee für seinen Film „Lichter einer Großstadt“ auf dem Franz-Josephs Bahnhof in Wien ankam, da jubelten auch ihm tausende begeisterter Fans zu, in diesem Fall garantiert freiwillig. Damals war der Franz-Joseph Bahnhof ein schmuckes klassizistisches Gebäude. Heute ist er ein spiegelndes Bankgebäude. Die Österreichische Staatsbahn verkaufte den Bahnhof an ein Bankhaus, das den Bahnhofsbetrieb – wie bei einer Metrostation – in den Keller verlegte. Ein Teil der alten Wiener Bahnhofskultur ist allerdings erhalten geblieben: Die Anlagen der Wiener Stadtbahn. Sie wurde Ende des 19. Jahrhunderts als Ringbahn angelegt, um die Kopfbahnhöfe miteinander zu verbinden. Die Gestaltung wurde dem berühmten Architekten Otto Wagner übertragen, einem der größten Vertreter der ‚Wiener Sezession‘. Die vielleicht schönste Bahnstation ist die am Karlsplatz. Nach der Restaurierung wandelte man sie in ein Kaffeehaus um.

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